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Literatur und Glaubenswelten im östlichen Europa
Ungarn ist trotz der kommunistischen Jahrzehnte ein christliches Land geblieben. 80 Prozent der Bevölkerung sind Christen, 15 Prozent Evangelische. Prof. Dr. Peter Maser leitete die 7. Tagung des Ostkirchen-Instituts der Universität Münster in Budapest vom 27.-30.September 2007. Beteiligt und eingeladen waren u.a. die Hilfskomitees der ehemaligen evangelischen Ostkirchen, also auch der Pommernkonvent. Unser Konvent war vertreten durch die Vorsitzende Ingrid Saenger.
Es sollte ein „literarischer Erinnerungsgang durch das östliche Europa und seine Glaubenswelten im 20. Jahrhundert“ sein. Heimat, Flucht und Vertreibung waren der Ausgangspunkt der vorgestellten Dokumentationen und literarischen Erinnerungen. Galizien, Ungarn, Polen, die Baltischen Staaten und die ehemalige DDR waren die Orte.
Prof. Maser stellte einleitend fest, daß Vertreibungen aus der Heimat schon vor dem 20. Jahrhundert stattgefunden haben. An der Tabuisierung der Flüchtlingsprobleme hätten auch die Kirchen ihren Anteil. Inzwischen aber forderten Flüchtlinge Respekt vor ihrem Schicksal.
In einem weiteren Referat erinnerte Prof. Maser an das alte Galizien mit der Hauptstadt Lemberg, das bis zum Ende der Habsburger Monarchie eine Vielvölkerregion mit unterschiedlichen Religionen war. Seine geistige und religiöse Ausstrahlung konnte es seitdem nicht wiedergewinnen.
Deutsche (nicht Österreicher) waren in Ungarn bis zum 1. Weltkrieg mit fast zwei Millionen die größte Minderheit. Sie wurden im 18. Jahrhundert angesiedelt, Donauschwaben genannt. Prof. Dr. Miklos Györffy, Budapest, berichtete vom Schicksal der Juden, Donauschwaben und Ungarn im 2. Weltkrieg. Ein großer Teil der ungarischen Bevölkerung fand sich nach dem 1. Weltkrieg in Rumänien, der Tschechoslowakei oder Jugoslawien wieder, weil die Siegermächte erhebliche Gebietsabtretungen verfügt hatten. Diese noch heute spürbare Problematik haben ungarische Schriftsteller in ihren Büchern behandelt.

Das Thema der deutsch-baltischen Literatur im 19./20. Jahrhundert wurde von Dr. Mara Grudule, Riga, und Dr. Heinrich Wittram, Hannover, vorgestellt. Werner Bergengruen, Siegfried von Vegesack und Gertrud von den Brincken haben sich als bekannte baltische Dichter und Schriftsteller mit dem Thema Heimat und Heimatverlust befaßt. „Heimat gibt es nicht im Plural“ war das Fazit von Vegesack nach langen Jahren der Flucht in entfernte Gebiete der Welt.
Aus polnischer Sicht behandelte die Journalistin Marta Kijowska, Krakau, das Thema. Seit fast 30 Jahren in München wohnhaft kennt sie sich in Europa gut aus.
Das Leiden am Heimatverlust der aus der Ukraine und Litauen vertriebenen Ostpolen wurde von ihr durch literarische Beispiele eindringlich vermittelt.
Wie mit dem Verlust der Heimat in der ehemaligen DDR umgegangen wurde, referierte Dr. Michael Schwartz, Berlin. Die Vertriebenen wurden „Umsiedler“, später „ehemalige Umsiedler“ genannt, um das Verbrechen der Vertreibung durch die Sowjetunion zu verschleiern. Ein Viertel der Bevölkerung waren Vertriebene. In der Literatur wurde eine verdeckte Sprache benutzt, um die Vertreibungsverbrechen zu beschönigen. Deutlichere Darstellungen wurden sofort verboten. Dennoch konnte seit Mitte der 70-er Jahre etwas mehr Offenheit nicht unterbunden werden.

Direkte Anschauung zu den Themen der Tagung konnte die ungarische Hauptstadt selbst vermitteln. Ein Höhepunkt war der Empfang durch den Abgeordneten Zoltan Balog, zugleich evangelisch reformierter Pfarrer und Vorsitzender des Ausschusses für Menschenrechte, im prächtigen Parlamentsgebäude. In Halle, Leipzig, Berlin und Tübingen hatte er Theologie studieren können und betonte seine Dankbarkeit hierfür. Er schilderte die schwierige Situation der ungarischen Demokratie. Beim Gang durch das Haus waren die Tagungsteilnehmer überrascht, unter der zentralen Kuppel das Original der Stephanskrone aus dem 11. Jahrhundert anschauen zu können.
Bei der Stadtbesichtigung wurde dem 2006 eröffneten Holocoust-Museum genügend Zeit gewidmet. Aber auch andere Plätze wie der Milleniums-Platz oder der Budaer Berg mit der Matthias-Kirche und der Fischerbastei wurden aufgesucht.
Am Abschlußtag der Tagung, am Erntedanksonntag, feierten die Tagungsteilnehmer mit der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde in der Kapelle auf dem Budaer Burgberg, direkt am Wiener Tor, den Gottesdienst.
In der Schlußrunde der Tagung wurden die Wandlungen seit 1989 festgestellt. Die Wende ermöglichte eine neue Beschäftigung mit dem Thema Heimat und ein anderes Begreifen. Der Heimatbegriff hat viele Wandlungen erlebt. Gewaltsamer Heimatverlust bedeutet aber immer Flucht und Vertreibung. Dies zu verhindern oder danach wenigstens Trost und Hilfe anzubieten, ist Aufgabe der christlichen Kirchen.