Zurück zum Rückblick auf die bisherigen Tagungen und Veranstaltungen des Pommernkonvents
Frühherbst 2007 in Pommern
Nach den vielen Fahrten mit meiner Mutter nach Pommern, wollte ich endlich auch einmal den goldenen Herbst erleben. Schon bei meiner Ankunft sah ich nur noch wenige Jungstörche als Nachzügler und die meisten riesengroßen Felder waren schon abgeerntet, bloß in der Lauenburger Gegend scheint es noch bäuerliche Betriebe zu geben. Im Gegensatz zu früher standen keine Korngarben mehr auf den Feldern, sondern das Stroh wurde zu riesigen Rollen gepresst. In den drei Wochen meines Aufenthaltes wurden viele Felder umgepflügt und auf einigen ist bereits die Wintersaat als grüner Flaum zu sehen. Nur der Flachs in der Neustettiner Gegend soll erst ab dem 15. September geerntet werden. So hoffen die Bauern auf einen goldenen September. Seinem Ruf als Kartoffelland wird Pommern allerdings nicht mehr gerecht. Wenigstens konnte ich noch ein paar Mais- und Rübenfelder entdecken.
Bei unseren Fahrten durch das Land fiel mir auf, dass überall an den Straßenrändern Honig angeboten wurde. Erst glaubten wir an eine ausgezeichnete Honigernte des Jahres 2007. Dann aber wurden wir von einem Gemeindemitglied aufgeklärt: Die Großhändler nehmen Honig nur in Tonnen von 250 Kilogramm ab. Die meisten der Kleinimker konnten in diesem verregneten Sommer die Tonnen nicht füllen, so dass ihnen nur der Privatverkauf bleibt. Ähnlich verhielt es sich mit Blaubeeren und Pfifferlingen.
Von meinen Kollegen wurde ich im Vorfeld der Reise oft gefragt, was ich im Urlaub machen werde. Ich entgegnete dann immer, dass es sich um einen Arbeitsurlaub handeln würde. Dabei war ich zum ersten Male nicht nur für die Rita von Gaudecker Stiftung, sondern auch in meiner Funktion als Vorstandsmitglied des Pommernkonvents unterwegs. Für einige meiner Gesprächspartner war es noch gewöhnungsbedürftig, dass ich als Schatzmeisterin des Pommernkonvents auch Einfluss auf die Entscheidungen des Vorstandes habe. Der Schatzmeister muss ja dafür sorgen, dass die guten Herzen des übrigen Vorstandes nicht zu sehr die Überhand über die Vorgaben des Finanzamtes gewinnen. Seitdem Polen in der EU ist, gelten auch hier viele Richtlinien, die uns schon lange vertraut sind. So ist mein Amt dadurch leichter geworden, dass es auch hier möglich ist, Rechnungen zu erhalten. Die ersten 10 Tage wurde ich von meiner Vorstandskollegin Adalhild Karp unterstützt, die ihr Augenmerk besonders auf Hausbesuche setzte.
In den sechs Gemeinden Stettin, Neustettin, Schivelbein, Köslin, Stolp und Lauenburg gestaltete ich einen Seniorennachmittag zum Thema Düfte. Dazu hatte ich schon in Deutschland liebevoll ein Heft zusammengestellt und für jeden Teilnehmer eine Duftkerze sowie ein Stück Seife besorgt. Meine Mutter bemühte sich um größte Zurückhaltung, damit ihr das Schweigen nicht gar so schwer wurde, durfte sie von den Nachbargemeinden berichten. Die Erfahrung als evangelische Christen nicht allein zu sein, ist gerade für die Diasporagemeinden wichtig. In Köslin kam ich frei zum Zuge, weil der Pastor meine Mutter für zwei Stunden zu einem Gespräch entführt hatte.
Besonders dankbar für unseren Besuch sind immer die kleinsten Gemeinden wie in Wierschutzin. Bis auf eine bettlägrige über 90-jährige Frau war die Gemeinde vollständig versammelt. Der Gesang der Paul-Gerhardt-Lieder war erstaunlich kräftig, obwohl mein Vater in diesem Jahr dort als Sänger fehlte. Die blinde und gehbehinderte Irma Goyke lud uns ein, wiederzukommen so lange sie lebe.
In Stolp erklingt seit Ende Juli zum ersten Mal seit 150 Jahren zur großen Freude der Gemeinde und der vielen Gäste eine neue Pfeiffenorgel. Diese stammt aus einer schlesischen Gemeinde, die dafür eine noch größere Orgel aus Reutlingen erhielt. Am 30. September soll die Orgel feierlich geweiht werden, dann wird Pastor Haerter den Pommernkonvent vertreten. Er wird dann hoffentlich viele Gemeindeglieder aus Groß Garde, Glowitz und Lauenburg treffen, für die der Pommernkonvent die Buskosten übernehmen wird. Bei dem Treffen in Lauenburg berichteten uns evangelische Frauen schon ganz beglückt von der Möglichkeit, zu den Feierlichkeiten nach Stolp fahren zu dürfen.
Mit Freude konnte ich feststellen, wie nah sich die deutsche und die polnische Gemeinde in Stolp in den letzten Jahren gekommen sind. Dazu haben sicherlich nicht nur der gemeinsame Kirchenputz in Folge Renovierungsarbeiten der Kirche, sondern auch der Familiengottesdienst am 5. Sonntag im Monat und das anschließende Beisammensein in der Fischerstraße beigetragen. Auch die Rivalitäten innerhalb der deutschen Gemeinde haben aufgehört. Detlef Rach hat etwas erreicht, was sonst nur meiner Mutter gelungen ist, denn er hat mit seinem Sohn Waldemar einen Nachfolger in der Familie gefunden. Über die aktive Jugendarbeit dieser Gemeinde wurde ja bereits in der Augustausgabe der Heimatkirche berichtet.
In Köslin waren am 26. August Vertreter des deutschen Gustaf-Adolf-Werkes aus Anlass des 175-jährigen Bestehens zu Gast (vgl. Monatsandacht August von Präsident Hüffmeier). Aufgrund der dunklen Regenwolken an diesem Morgen wurde der Gottesdienst kurzfristig in die Getraudenkapelle verlegt. Zufällig war sogar ein Journalist vom BBC-London anwesend, der für eine seiner Sendungen nach pommerschen Vorfahren suchte. Unsere alten deutschen Frauen fanden auch alle noch einen Sitzplatz in der bis über den letzten Platz hinaus gefüllten Kapelle, da sie bereits eine Stunde vor Gottedienstbeginn eingetroffen waren. Über den Inhalt von Präsident Hüffmeiers Predigt wollen wir in der nächsten Ausgabe berichten. Trotz der drangvollen Enge wurde das Abendmahl bis in die hinterste Reihe ausgeteilt. Dabei wurde auf das sonst in Pommern noch übliche Knien vor dem Altar verzichtet. Anschließend trafen sich alle noch in der Diakoniestation zum Gedankenaustausch. Es ist schon außergewöhnlich, dass ich in diesen drei Wochen nur an drei evangelischen Gottesdiensten teilnahm.
Als ich meine Mutter Anfang der 90er Jahre in den Semesterferien auf ihren Fahrten durch das Land begleitete, wurden wir häufig von Kösliner Gemeindegliedern begleitet. Sie waren immer ganz beglückt über die Erfahrung anderen evangelischen Glaubensgenossen zu begegnen. Heute sind viele von diesen selber kränklich und bedürfen unserer Besuche. Dabei machen sich die Gebrechen in vielerlei Gestalt bemerkbar, oft psychosomatischer Natur, bedingt durch die Einsamkeit. Die besonders stark ausgeprägt bei denen ist, die früher viele Kontakte zu den inzwischen altgewordenen Westdeutschen hatten.
Es ist immer wieder erstaunlich, wie stark auch altersverwirrte Menschen auf das Vater Unser oder einen Paul Gerhardt Vers reagieren. Mit Tränen in den Augen sprechen und singen sie mit.
In diesem Jahr fiel mir auf, dass viele Gemeindeglieder gerne von „früher“ erzählten. Sie erinnerten sich gerne an die Zusammenkünfte im Rahmen der evangelischen Gemeinschaft, weil dort als Deutsche ungestört in ihrer Muttersprache reden konnten. Aber auch die Schrecken der Russenzeit kamen wieder hoch.
Bei körperlichen Gebrechen ist es für uns am einfachsten Hilfe zu leisten, weil wir dann mit einem Zuschuss zur Brille, zum Hörgerät oder einem Rollator helfen und große Freude auslösen können. Da viele dieser Frauen nicht mehr in der Lage sind den öffentlichen Bus zu besteigen, gaben wir manchmal einen Zuschuss zum Benzingeld für den Enkel. Der Weg zur Kirche beträgt oftmals 30 Kilometer und mehr.
Ein goldener Herbst war mir leider nicht vergönnt. Dafür konnte ich kurz vor unserer Abreise den ersten Herbststurm an der Ostsee erleben. Die Wellen überfluteten den ganzen Strand und der Wind blies uns den Sand ins Gesicht.