zurück zu den Zielen und Aufgaben des Pommernkonvents
Meine Tochter und ich machten im australischen Winter Verwandtenbesuche, und alle stöhnten über die grauslige Kälte, doch im pommerschen Sommer war es nicht viel anders, denn bis zu sieben Wochen nach Siebenschläfer fühlte man sich am wohlsten in Wollstrümpfen, Strickjacke und Wettermantel. Uns störte das weniger als die Badegäste, denn entweder hielten wir Seniorenstunden, machten Krankenbesuche oder wir arbeiteten am Computer vor und nach. Die frische Seeluft konnten wir immerhin nachts bei geöffnetem Fenster genießen. Das Arbeiten fiel mir erst sauer, als der richtige Sommer nach Hinterpommern kam.
Vor dreißig Jahren begann ich nach Pommern zu fahren, nahm gleich beim ersten Male Kontakt zur evangelischen Gemeinde deutscher in Zunge in Köslin auf. In den folgenden Jahren wurden die Kontakte zu Gemeindegliedern und Pastoren intensiver und dehnten sich von Stettin bis an den Zarnowitzer See aus. Wenn ich mir heute die alten Listen ansehe, dann stelle ich fest, dass ich mehr Menschen kennengelernt habe, die in der Zwischenzeit gestorben sind, als solche, die noch leben. Wie wird es weitergehen? Immer noch sind die jüngeren in meinem Alter, nur in wenigen Ausnahmefällen jünger als ich. Die Eingeweihten hier rechnen damit, dass die Gemeinden deutscher Zunge in fünf bis zwölf Jahren ausgestorben sein werden, dann bleiben nur noch die evangelischen Gemeinden polnischer Zunge, die sicherlich die letzten Gemeindeglieder bei sich aufnehmen werden, deren Muttersprache deutsch ist. Bereits jetzt merke ich, dass ich nicht mehr so tatkräftig bin wie früher, als mir 13- Stunden-Tage nichts ausmachten, während ich jetzt schon nach 10 Stunden ganz müde bin. Aber da wir im Westen meistens bei besserer Gesundheit sind als die Heimatverbliebenen, kann man hoffen, dass Gott mir Gesundheit und Spannkraft schenkt, um noch weiter machen zu können, bis ich Anfang achtzig bin. Dann war die Betreuung der Deutschen evangelischen Glaubens wirklich eine Lebensaufgabe für mich gewesen.

Sicherlich reisen noch viele Landsleute nach Pommern und bringen auch sehr erwünschte Spenden mit, zuweilen besuchen sie sogar Gottesdienste, Bibelstunden und das evangelische Sommerfest, doch eigentliche Arbeit ist das noch nicht, sondern es sind die Krankenbesuche, zeitaufwendig und kostenintensiv durch die langen Anfahrten zu verstreuten und vereinzelten alten deutschen Frauen. Seit dem vorigen Jahr hat sich der Gesundheitszustand bei vielen rapide verschlechtert, nicht alle erkannten uns mehr. Nehmen wir das Beispiel Neustettin:
Dort gab es vor ein paar Jahren eine recht starke Gemeinde mit 54 Mitgliedern, jetzt sind es nur noch 38 und von denen sind neun nicht mehr in der Lage, zur Kirche zu kommen. Sagen Sie selbst, ob man diese Frauen auch in Zukunft noch besuchen soll:
Eine Frau, geb. 1909, meinte: "Solange bin ich ohne Stock ausgekommen, doch jetzt mit 90 Jahren brauche ich plötzlich einen!" Wie sich bei manchen eitlen Frauen das Alter niemals nach 39 Jahren verändert, ist sie schon seit vier Jahren neunzig und wird es bis zu ihrem Lebensende wohl bleiben. Sie erkannte weder mich noch ihre Neustettiner Kirchenälteste, doch sie erklärte uns: "Ich lese doch noch so gern und eine Frau von der Kirche bringt mir immer die Frohe Botschaft!" Sie wusste zwar nicht mehr, dass diese Frau gerade vor ihr stand, doch sie fühlte sich noch von der evangelischen Kirche umsorgt.
Eine andere Frau war voriges Jahr noch recht gut beieinander, jetzt wirkte sie auf uns, als ob sie nichts mehr mitbekam. Doch plötzlich beantwortete sie eine Frage von uns nach zwei Minuten ganz logisch - dabei hatte man das Gefühl, dass ihr jeder Satz soviel Mühe kostete wie anderen alten Frauen das Treppensteigen. Sie reagierte nicht auf unsere Frage, ob wir eine Andacht halten sollten, wir taten es trotzdem. Und kaum hörte sie die vertrauten Worte aus Bibel und Gesangbuch, strömten die Tränen leise über ihre Wangen: Tränen waren noch eine ihrer Ausdrucksmöglichkeiten geblieben, unsere Worte drangen bis in ihr Herz.
Bei einer anderen Frau ist eine Zitterlähmung so weit fortgeschritten, dass auch die Sprechfähigkeit davon betroffen ist; ihre Sprache ist nur noch schwer verständlich, doch der Verstand hat noch nicht gelitten. Eine 89-jährige Frau beeindruckte uns zu tiefst: Sie wirkte wie eine rüstige Dame um 80, hellwach, gepflegte Häuslichkeit. Nach zwei mißlungenen Hüftoperationen kann sie sich nur noch mühsam mit einem Gehgestell in der Wohnung bewegen, ihre Hauptfreude sind die leuchtenden Geranien im Blumenkasten am Fenster. Von ihr hörten wir kein Wort der Klage, obwohl sie irgendwie nie von der Gemeinde Besuch bekommen hatte. Eine Frau freute sich besonders über Lux-Seife, weil die Haut rings um ihren künstlichen Darmausgang immer so empfindlich ist. Bei Frauen, die früher nur ein geringfügig verkürztes Bein hatten, wird das kranke Bein immer kürzer.
Bei solchen Besuchen kommt es nicht darauf an, ob man singen kann oder nicht, man muss einfach! Einen Besuch machten wir auch in einer Nervenklinik, der aber weniger erschreckend war als in manchen Altersheimen oder bei Hausbesuchen, weil alles sauber roch und man sich offensichtlich lieb um die Patienten kümmerte. Schwieriger ist es für die Gemeinschaft, eine entlassene Patientin wieder in ihre Reihen aufzunehmen und zu akzeptieren, dass eine Depression genauso eine Krankheit ist wie ein gebrochenes Bein oder ein Krebsgeschwür.
Insgesamt ist die Gesundheitsversorgung schwieriger als vor zwanzig oder dreißig Jahren geworden: Die Medizin machte gewaltige Fortschritte; auch unter unseren Frauen gibt es solche, die ein künstliches Hüftgelenk oder einen Herzschrittmacher bekommen haben, doch die moderne Medizin wird immer unbezahlbarer für den Einzelnen und den Staat. Man hört zwar immer noch von guten Ärzten, aber auch von solchen, die sich erst dann um ihre Patienten kümmern, wenn ihnen diskret ein verschlossener Umschlag zugeschoben wurde. Die Flasche Wodka zu Vorwendezeiten war dagegen nur ein Klacks. -- Das kann nicht mit den höheren Tarifsätzen für Privatpatienten in Deutschland verglichen werden, die auch mehr zahlen als Kassenpatienten, oder neuerdings mit den Kosten der Kassenpatienten, die mehr als die Grundversorgung haben möchten, denn in Deutschland gibt es eine Rechnung und der Arzt muss seine Einnahmen versteuern.

Solange wie irgend möglich kommen die Frauen zu den Bibelstunden und Seniorentreffen. Detlef Rach drückte das sehr feinsinnig aus: "Wenn die Frau Scheller zu uns nach Stolp kommt, bringt sie uns immer einen Tropfen Kultur mit!" Dabei ist es egal, ob wir von Ausflügen in die große weite Welt berichten, biblische Geschichten besprechen oder gar Tabu-Themen wie HIV-Aids. Die Diskussionen sind nicht so polarisierend wie mit deutschen Teilnehmern, weil es für viele bislang ein Tabu-Thema war und sie noch nicht viel darüber wussten.
Auf Seite 3 der PZ vom 31.7.2004 hieß es, daß der Autor die vielen Verbrüderungen mit Polen bei Kaffee und Kuchen allmählich satt habe, weil dabei zu viele Probleme zugekleistert werden und es heute zwar schon etliche Gutwillige gäbe, aber längst noch nicht genug gut Informierte und solche, die bereit sind, zur geschichtlichen Wahrheit zu stehen.
Natürlich gibt es auch bei den Senioren regelrechte Kuchenschlachten. Doch hier haben sie eine andere Funktion: Für einsame Menschen ist ein gemeinsames Mahl tröstlich und gemeinschaftsbildend. Wer heute zu den Treffen kommt, war vor 1945 zu jung, um damals zu den Tätern gehört zu haben, aber alt genug, um sich noch an die schrecklichen Dinge zu erinnern, die er selber, seine Familie, seine Nachbarn nach Kriegsende erlebt haben. Wie dankbar sind diese Menschen, wenn sie sich einmal ohne Scheu dazu äußern können. Da kommen dann auch abfällige Bemerkungen über Frauen aus dem Dorf heraus, die nach 1945 kein Wort Deutsch verstehen wollten und die die Evangelischen als "Hitlerowskis" bezeichnet hatten, die jedoch nach der Wende geschickt genug waren, um sich erneut zu wenden, um jetzt als die Superdeutschen zu gelten, was ihnen auch viele Besucher abnehmen.
Gemeindeglieder und auch deutsche Besucher können nicht recht verstehen, warum sich die Diakoniestation zu ihrem VW Bully (Kleinbus) noch einen VW-Polo angeschafft hat. Doch auf den zweiten Blick ergibt es durchaus Sinn: Fast alles, was mit der Diakoniestation zu tun hat, wurde bislang mit deutschen Mitteln erworben. Jetzt gab erstmals das polnische Innenministerium eine namhafte zweckgebundene Spende. Andere Anträge wie die Renovierung der Außenmauern der Gertraudenkapelle, einen Zuschuss zum Projekt "Aktivierung von Senioren" oder zur Arbeit mit Straßenkindern wurden abgelehnt, doch Geld für ein Auto wurde bewilligt. Der Diakonierat hofft, damit viel Geld sparen zu können; wir sind mindestens der Meinung, daß die Folgekosten für beide Autos zusammen nicht höher werden als für den Bully allein, der doppelt soviel Diesel benötigt wie ein PKW. Außerdem reichte das Geld noch dazu aus, das Auto von Benzin auf Gas umzurüsten. In Deutschland fahren höchstens die großen Stadtbusse mit Gas; in Polen ist das mit Gas betriebene Auto schon der große Renner, die Tankstellen sind darauf eingestellt. Bei Einbaukosten rentiert sich der Umbau in Deutschland in zwei bis drei Jahren; in diesem Falle wird es sich gleich rentieren. Die Wartung für den Bully, die nach einer bestimmten Kilometerzahl erfolgen muß, ist dreimal so teuer wie für den PKW ... Momentan ist die Diakonieschwester auf privatem Urlaub im evangelischen Ferienlager, doch sie nahm drei Jugendliche aus Stolp mit. Wenn sie im September eine Ausbildung zur Schwesternhelferin in Hannover absolviert, kann sie Spenden mitnehmen, die immer große Transportkosten verursachen, und ihre Vertretung kann trotzdem Besusche machen und Fahrdienst für Gehbehinderte leisten.

Zu danken habe ich allen, die mich immer wieder bei meiner Arbeit unterstützt haben, seien es Polen oder Deutsche. Im November werden wir nochmals nach Köslin fahren, um festzustellen, was von den schönen Plänen wirklich in die Tat umgesetzt werden konnte und wo wir weitere Anstöße geben müssen. So bleiben die Pommernfahrten wohl eine Lebensaufgabe für mich. Ob es unter den Lesern der Heimatkirche noch weitere Menschen gibt, die es ähnlich sehen?